Gut gebrüllt, Du Leopoldina-Löwe. Oder doch nicht?

Die Leopoldina, Merkels Delphi, hat zum vierten Mal über Corona gebrütet. Und sie hat ein Papier geschrieben, das wie ein sonntägliches Vaterunser klingt.

Es stehen nur Dinge drin, gegen die wirklich niemand etwas sagen kann. Hochwertige Versorgung, ethisch verantwortbar (Halleluja), wissenschaftsorientiert, digitalisiert, sektorübergreifend, wertschätzend gegenüber den nichtärztlichen Berufen. Alles schön und gut.

Und am Schluß der Zusammenfassung schlendert noch ein beiläufiger Satz daher: Ergänzung der Fallpauschalen durch strukturelle (Finanz)Elemente.

Das ist der substanzielle Kern.

Es ist immer dasselbe, egal ob die Papiere fünf, acht oder fünfzig Seiten umfassen: Es geht um Geld. Jeder für sich, hier für die Universitätsmedizin.

Warum mein Zorn gegen diese Art von belangloser Wissenschaft zunehmend wächst, ist, dass man sich nicht traut, darüber zu reden, in welcher Form sich künftig das Gesundheitswesen organisieren soll. Mehr Geld alleine ist schon deswegen keine Lösung, weil nach Corona “mehr Geld für das Gesundheitswesen” trotzdem, wegen geschrumpfter Einnahmen, weniger Geld für das Gesundheitswesen bedeuten wird.

Und, das sei vorweg gesagt, nein, das Gesundheitswesen leidet nicht an Neoliberalismus. Sondern auch ein öffentliches Gesundheitswesen muss mit Ressourcen klarkommen. 

Also käme es darauf an, dass man, und da nehme ich mir auch  mal die Universitätsmedizin zur Brust, darüber redet, wer wofür Verantwortung übernimmt in einem Transformationsprozess.

Mein Plädoyer: Die zentralen Verantwortlichkeiten zerlegen. Die Meinungskartelle auf Bundesebene abschaffen (Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Oder, im Politjargon: Man sieht sich immer dreimal). Und darüber reden, wer wofür Verantwortung übernehmen kann. Und wie viel Freiheit er dazu braucht.

Die Liste des Versagens ist nämlich lang. Weder Politik noch Kassenärzte, noch Krankenhäuser oder Krankenkassen haben sich mit Ruhm bekleckert. Alle wollen immer nur das Eine: Money! More Money, aber keine Verantwortung für Veränderung.

Wir nennen es Stellungskrieg. Mit immer freundlichem Gesicht.

Wer hat versagt? Die Politik auf Landesebene, weil kaum irgendwo eine ordentliche Klinikplanung vorliegt. Und zurecht alle darauf verweisen, dass die Länder ihre Aufgabe, Infrastruktur zu finanzieren, nicht nachkommen. 2 klar adressierbare Fehler.

Angst vorm Wähler.

Versagt haben aber auch die Krankenkassen, weil sie einen Wettbewerb simulieren, der keiner ist. Wir brauchen mehr Freiheiten, unterschiedliche Profile für Krankenkassen auszuformen. Die beiden, die ich ausnehmen würde, sind die TK, weil Jens Baas (ja, ich weiß, er hat einen Image- und Versichertenvorteil) wenigstens einmal gesagt hat, was tatsächlich stattfindet (Abrechnungsoptimierung). Und dann noch die AOK Nordost, überhaupt die neuen Bundesländer, weil sie dort, mehr einer vernünftigen Ressourcenplanung als dem alten Ärzteideal verpflichtet (wir wollen unsere Polikliniken wieder haben), die Zusammenarbeit, die Aufwertung der nichtärztlichen Berufe, massiv vorantreiben.

Profilbildung für Krankenkassen, das setzt aber voraus, dass sich die Politik stärker zurückhalten muss. Märkte entwickeln sich eben langsamer. Partizipation, ein weiterer politischer Irrtum, bedeutet nicht, dass in irgendwelchen Gremien, durch Sozialwahlen, die der Logik nach eher der DDR als einer offenen Wahl entsprechen, irgendwelche nie gesehene Patientenvertreter ihr eigenes Spiel spielen, sondern dass die Versicherten selbst über ihre Versicherungsprofile entscheiden können.

Und Krankenkassen, die stärker verstehen sollen, wie ihre Kunden ticken, und was ihr Wettbewerbsvorteil ist, müssen sich mehr auf die Kunden und weniger auf politisches Tingeltangel konzentieren können.

Dann wäre da noch die Politik. Alle in Deutschland wollen eine gute Versorgung für möglichst viele. Ist also kein Streitpunkt. Trotzdem fallen alle mit abgedroschenen Begriffen wie Bürgerversicherung (Für oder Gegen) übereinander her, als ob sie käme (tut sie nicht, weil die Bundesländer sonst ihre Beamten teurer absichern müssten) und als ob sie was nutzen würde (tut sie auch nicht, weil der kurzfristige Geldsegen schnell verpuffen würde).

Politik ist also längst ein Schattenboxen geworden. Ablenkungsmanöver im großen Stil.

Jens Spahn nehme ich jetzt mal ausdrücklich aus, weil er, finde ich, mutig Dinge vorangetrieben hat, die nicht mit den Bestandslobbys ausgedealt waren. Klar musste er bei der Vielzahl von Gesetzen dann immer wieder faule Kompromisse eingehen (Die Verantwortung der Kassenärzte für die digitalen Schnittstellen ist so einer), aber er wollte wenigstens was. Und noch immer will er was. Und er vertritt es auch.

Das finde ich gut.

Wenn er weg sein wird, muss das große Aufräumen beginnen. Ein bißchen fühlt man sich an die Marx’sche Verelendungsstrategie erinnert: Erst muss die gesetzliche Verstopfung bin zum Maximalen getrieben sein, bis sich der Mut findet, die Dinge neu zu ordnen.

Aber warum all diese Risikolosen Lehrstuhlinhaber auf gutdotierten Professorensesseln nicht mal den Mut haben, Zukunft NEU ZU DENKEN, das muss einem schon zu denken geben.

Und das sage ich, obwohl ich einzelne darunter sehr schätze. Was nur fehlt, ist der Ausbruch, der öffentliche Ausbruch aus der Konsens und “wir haben uns alle lieb, aber mehr Geld brauchen wir schon”-Masche.

Mal sehen, ob es wirkt!

Nikolaus

Frühaufsteher. Politischer Beobachter aus Leidenschaft. Das Bessere in der Welt entsteht nur, wenn man und frau sich neues zu denken traut.

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