Kann man DER WISSENSCHAFT folgen?

Ein Beitrag anlässlich der grünen Debatte über die Finanzierung homöopathischer Arzneimittel.

Bündnis 90/DIE GRÜNEN haben auf ihrem letzten Parteitag (26.-28.11.2025) gefordert, homöopathische Arzneimittel nicht mehr aus Kassengeldern zu finanzieren. Die Begründung: Die wissenschaftliche Evidenz fehlt. Ich halte den Beschluss für falsch, aus zwei Gründen: Erstens ist der finanzielle Effekt dieses Beschlusses, falls er denn realisiert werden würde, marginal. Insofern stellt sich die Frage, ob der Beschluß nicht nur in einer Art Racheakt gegenüber den “Schwurblern”, also den Widerständigen im durch Corona gestärkten Anti Impflager war. 

Und zweitens wurde der Beschluss begründet mit dem Ruf, wir wären eine Partei der Wissenschaftlichkeit. Und deswegen müsste man dieses Prinzip auch auf homöopathische Arzneimittel anwenden, um sich nicht unglaubwürdig zu machen. 

Den Verweis auf Evidenz und Wissenschaftlichkeit vernehme ich sowohl in meinem Arbeitsgebiet, der Gesundheitspolitik und im “bündnisgrünen” Milieu des Öfteren. Ich will dem etwas entgegensetzen. 

Folgt “DER WISSENSCHAFT” geht nicht! 

Mein Eindruck: Besonders die jüngere Aktivistengeneration unter Klimaschützern und den Grünen verweist auf dieses Argument. Und dies nicht nur als “Schutzbehauptung”. Sie glaubt es. Deswegen halte ich es für gefährlich. Denn der Glaube an die Wissenschaft ist eben auch nur ein Glaube. Wer sich damit wissenschaftlich auseinandersetzen will: Prof. Markus Gabriel: “Warum es die Welt nicht gibt”, 2013. Die Botschaft: Wir Menschen konstruieren Wirklichkeit, weil sie die einzige Möglichkeit ist, die Komplexität, das Neben-, Mit- und Gegeneinander der Weltereignisse zu reduzieren.

Der Verweis auf DIE WISSENSCHAFT ist autoritativ, antidemokratisch und unwissenschaftlich

Ich halte den Verweis auf DIE WISSENSCHAFT für autoritativ, antidemokratisch und unwissenschaftlich und will dafür eine Reihe von Gründen anführen. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wissenschaftliche Forschung ist etwas für uns sehr grundlegendes. Es zeichnet unsere Epoche aus. Aber Wissenschaften, Naturwissenschaftler wissen das, sind immer plural. Spätestens seit Karl Popper gilt es als anerkannt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur Konstrukte sind, die so lange gelten, bis andere Konstrukte bessere Ergebnisse und Erkenntnisse ergeben. Wissenschaftliche Wahrheit ist damit immer relativ, hat begrenzte Aussagekraft und kann jederzeit relativiert oder gar widerlegt werden. 

Der Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse ist grundlegend für jede moderne Gesellschaft. Politiker beispielsweise, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, betrachte ich als nicht adäquate Gesprächspartner. Anders wäre es, wenn Klimawissenschaftler den Klimawandel relativieren oder in einen anderen Rahmen setzen. Da gilt es hinzusehen, weil tatsächlich neue Klimamodelle, Beobachtungen und Erkenntnisse zu Modifizierungen führen können. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaften scheint die generelle Aussage vom menschengemachten Klimawandel deswegen weitgehend unbestritten. 

Der Ruf FOLGT DER WISSENSCHAFT soll andere Meinungen tabusieren

Wenn aber die klimawissenschaftliche Erkenntnis in politische Debatten eingeführt wird, zum Beispiel durch den Ruf “Folgt der Wissenschaft”, wird der Verweis auf Wissenschaft zur Ideologisierung und Tabuisierung genutzt. Folgt der Wissenschaft suggeriert dann, man solle den Ausstiegs- und Transformationsplänen der Klimaaktivisten folgen. Der Verweis auf die Wissenschaft dient dann dazu, die Frage zu delegitimieren, ob der von Deutschland und Europa eingeschlagene Weg der Dekarbonisierung nach, am besten sektoralen, Jahresplänen tatsächlich sinnvoll ist. 

Das “Kerngeschäft” von Politik ist Abwägung. Abwägung welcher Politikbereich, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Umwelt- und Klimapolitik prioritär ist. Mit welchen Instrumenten er “bewältigt” wird. Und wie das Ganze gegen- und miteinander gewichtet wird. 

Die Behauptung, dass Klima- und Transformationspolitik auch “gute” Wirtschaftspolitik ist, ist eine Annahme, deren Richtigkeit sich erst in der Zukunft erweisen wird. 

Schon in der Vergangenheit, am Beispiel der Solarwirtschaft, hat sich diese Aussage und Erwartung als zumindest brüchig erwiesen, weil die deutsche Solarindustrie in einer globalisierten Welt nicht schnell genug skalieren wollte und konnte und gegenüber dem sehr viel strategiefähigeren China unterlegen ist. 

Ähnliches könnte jetzt in Automobilsektor geschehen. China hat frühzeitig auf Elektromobilität gesetzt in der Erkenntnis, dass diese sehr eng mit Digitalisierung verbunden ist, Europa in diesem Sektor schwach ist und sie deswegen auf einem ganz anderen Level Playingfield wesentlich kompetitiver sind also die deutschen, ihre Kernkompetenz “Verbrenner” verteidigende Automobilindustrie. Also, was tun? 

Klimapolitik kann nur global wirksam sein. Aber die prioritäre Handlungsebene ist Deutschland

Zudem: Die Klimafrage ist eine globale Frage. Wenn Deutschland oder Europa “im Alleingang” dekarbonisieren, dann hat das Auswirkungen auf die Prosperität, das Wirtschaftswachstum und die Wohlstandsentwicklung in Deutschland. 

Auch hier ist Abwägung geboten, weil demokratische Systeme auf Zustimmung ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen sind. Und mehr und mehr zeichnet sich ab, dass Bürgerinnen und Bürger wissenschaftlich entwickelte Transformationsstrategien spätestens seit den Auseinandersetzungen um das “Heizungsgesetz” nicht mehr vertrauen. Teilweise zurecht, teilweise zu Unrecht. Aber der Wähler, die Wählerin ist der Souverän, also ist es legitim, die Dinge anders zu sehen. 

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse können politische Gewichtungen nicht ersetzen

Ich fasse die bisherige Argumentation zusammen: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sollten Eingang in die politische Debatte finden. Sie ersetzen diese aber nicht. Und wenn mit Verweis auf DIE WISSENSCHAFT eine Debatte unterbunden werden soll, ist das autoritativ, antidemokratisch und eben unwissenschaftlich. Im aktuellen Fall der Grünen und des “klimapolitisch bewegten Umfeldes” führt der permanente Verweis auf DIE WISSENSCHAFT im übrigen zu einer weiteren Polarisierung. Denn Menschen, die für ihre politischen Entscheidungen andere Prioritäten setzen, werden ausgegrenzt. 

Meine Überzeugung: Der akademische, elaborierte Sprachcode, in dem manche politischen Debatten geführt werden, ist für viele Menschen längst verdächtig. Er führt, entgegen aller Bekundungen, zu Ausgrenzung, Überheblichkeit bis Arroganz. Und, so meine These, ohne dass es den Betroffenen, besonders die jungen akademischen und klimabewegten Aktivisten, die jetzt den “Marsch durch die Institutionen” antreten wollen, bewußt ist. 

Strategien in komplexen Welten erfordern Flexibilität

Sozialwissenschaftlich basierte Transformationsstrategien stoßen aber auch auf andere Barrieren und Grenzen, die ihre Aussagefähigkeit einschränken: Die “politische Welt”, in die Transformationsstrategien eingebettet sind, ist eine deutsche, manchmal auch eine europäische. Spätestens nachdem Donald Trump auch offiziell den Rückzug aus der internationalen Klimavereinbarungen verkündet hat, haben sich die Rahmenbedingungen für deutsche und europäische Klimastrategien verschoben. Sie können Teil einer auf Autonomie und Resilienz ausgerichteten Selbstbehauptung Europas sein, aber nicht um jeden Preis. Jedenfalls, die Prioritäten sind neu zu gewichten. Aktuell jedenfalls ist das Argument der energieintensiven Unternehmen, die Kosten deutscher Energiepolitik wären zu hoch, um weiter wettbewerbsfähig zu sein, nicht von der Hand zu weisen. 

Objektive, gar wissenschaftlich evidente Aussagen zu “richtigen” Transformationsstrategien gibt es nicht. Zukunft lässt sich nicht prognostizieren. Und die angeführten Beispiele zeigen, dass es bei veränderten Rahmenbedingungen stets angebracht ist, die eigene Wahrnehmung, die eigene Argumentation zu überprüfen und anzupassen. 

Wissenschaftlichkeit ist gerade in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften ein fragwürdiges Konzept

Naturwissenschaften konstruieren Modelle, diese Modelle testen sie, indem sie “intersubjektiv nachvollziehbare Versuchsanordnungen” organisieren, mit denen sie die Gültigkeit ihrer Hypothesen belegen. Insofern führt naturwissenschaftlicher Fortschritt zumeist nicht dazu, ältere Modelle zu widerlegen, sondern deren Relevanz einzuschränken. 

Sozialwissenschaftliche “Versuchsanordnungen”, und dazu gehören auch die Konstruktionen von “Transformationsstrategien” sind anders. Der und die Wissenschaftlerin sind nicht nur Subjekt, sondern auch Objekt der “Versuchsanordnung”. Faktoren werden ausgegrenzt, es fließen Werturteile in die Situation ein, etwa über die Belastbarkeit von Bürgerinnen und Bürger, alles Folgen von “Modellbildung” im Sozialwissenschaftlichen Bereich. 

Beispiel: Das Heizungsgesetz, dessen Kern ja eine Priorisierung von Wärmepumpen oder Fernwärmeversorgung darstellt, bedarf gründlicher Auseinandersetzung und teilweise erheblicher Investitionen. Da viele der (Einfamilien)Hausbesitzer der Ü50 oder Ü60 Generation angehören, fühlen sie sich von den notwendigen Investitionen überfordert. Ihre Lebensplanung war anders. Schon vor diesem Hintergrund sind strikte Pläne für technologiebasierte Strategien eine echte Herausforderung für die gesellschaftliche Akzeptanz einschlägiger Strategien.

Auch Klimaaktivisten folgen nicht DER WISSENSCHAFT. Sie folgen nur bestimmten Aussagen der Klimawissenschaften. 

Diese haben sie in zahlreiche Szenarien umgesetzt, die Leitgedanken für zahlreiche Gesetze und Förderkonzepte wurden. Andere wissenschaftliche, insbesondere wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse wurden dagegen ignoriert. Beispiel:  Ein beschleunigter deutscher Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft führt nicht zu weniger Emissionen, sondern nur dazu, dass andere europäische Länder und dort beheimatete Industrien ihre Zertifikate billiger erhalten. Wir subventionieren durch unseren “Alleingang” also die fossile Energieerzeugung in anderen Ländern. 

Klimaaktivistische Argumentationen ignorieren den Mißbrauch von Wissenschaft durch Politik

Der “Kampf gegen den Klimawandel” auf der politischen Bühne zunehmend, welche Prozesse, Strukturen und Finanzströme er ausgelöst hat. Was heute Klimapolitik heißt, war früher Anti-Atompolitik und “Energiewende”. “Folgt der Wissenschaft” könnte klimapolitisch tatsächlich auch heißen, “setzt auf Atomenergie”. Das hat Deutschland abgelehnt, es hat sich seit Jahrzehnten auf den regenerativen Kurs begeben, deswegen ist das von konservativ-populistischer Seite regelmäßige Plädoyer für Atomenergie eben keine Lösung in absehbarer Zeit. Wir sprechen da von “Pfadabhängigkeit” von Entscheidungen. Gleichwohl sind Anpassungen immer wieder notwendig. Die Häufigkeit ordnungspolitischer, gesetzlicher und von “Förderszenarien” sprechen hier eine deutliche Sprache. Nur lässt sich aktuell absehen, dass diese sehr enge Gesetzes-, Verordnungs- und Förderlandschaft zu einem echten Gestrüpp führt, das bei genauer Betrachtung einem Bürger, einer Bürgerin nicht mehr durchschaubar ist. Insofern ist der dauernde Verweis auf die Legitimität politischer Entscheidungen doch zumindest fragwürdig. Selbst wenn klimapolitisch “richtige Entscheidungen” in Gesetze gegossen werden, verändert, zumeist verschlechtert sich im Rahmen der Kompromißbildung die Gesetzesqualität hinsichtlich des ursprünglichen Ziels. Oftmal werden die Gesetze komplizierter, sie treffen zu enge Festlegungen, die zu “Entscheidungsstaus”, Unattraktivität oder plötzlichen Stopps von Förderprogrammen führen, mithin die Gesellschaft und Wirtschaft verunsichern. Weniger, sachlicher und mittelfristiger, also auch über einzelne Legislaturperioden hinaus angelegte Strategien wären hier sinnvoller. Und die Erkenntnis, dass der Verweis auf die Legitimität politischer Entscheidungen die Diskussion über Effektivität und Effizienz der Entscheidungen nicht ersetzen kann. 

“Für die Zukunft unserer Kinder”. Aber welche Zukunft? Die klimapolitische? Oder die generationspolitische?

Und schließlich ein letztes Argument: Wer klimapolitisch immer auf die Enkelgeneration verweist, sollte dies nicht nur in klimapolitischer Hinsicht, sondern, die innerhalb der CDUCSU geführte Rentendiskussion zeigt das, auch in finanzpolitischer Hinsicht tun. “Klimaaktivistinnen und aktivisten” verweisen oftmals auf die Klimafolgen heutiger Entscheidungen, zurecht. Wenn sie dann im Gegenzug für mehr Förderprogramme, mehr politische Maßnahmen, mehr Ausgleichszahlungen für schlechtergestellte Haushalte plädieren, ignorieren sie jahrzehntelange ebenfalls wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich der Nichtnachhaltigkeit von Renten, Gesundheits- und Pflegepolitik. 

Auch hier ist Abwägung notwendig. 

Der unreflektierte Verweis auf Wissenschaftlichkeit führt Grüne auf den Holzweg

Bezüglich den Grünen: Wenn sie diesen Weg weiter gehen, werden sie zu einer Milieupartei der sozialwissenschaftlich sozialisierten akademischen Mittelschichten. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger sehen sich nicht gehört, sie nehmen die “sanft belehrende” Art grüner Politik als Bevormundung ab. Und sie beobachten, dass Politik, das weit über die Grünen hinaus, in primären Angelegenheiten, Infrastruktur, Bereitstellung von “Basisgütern”, Bildung, Digitalisierung, kurz in ihrem Alltagserleben, nicht liefert!

Warum homöopathische Arzneimittel doch eine Bedeutung haben könnten

Ich komme zurück zum Anlass der Betrachtungen: Homöopathische Arzneimittel und ihre Bedeutung in der Medizin. 

Wer sich mit Evidenzszenarien in der medizinischen und versorgungswissenschaftlichen Debatte auseinandersetzt, stellt fest dass der evaluative Nachweis von Wirksamkeiten kein hinreichendes Instrument für ein gutes und innovatives Gesundheitswesen ist. Deswegen plädiere ich für eine argumentative Abrüstung. 

Niemand “ernsthaftes” plädiert für die Homöopathie oder andere Naturheilverfahren als allein seligmachendes Instrument. Die meisten sind davon getrieben, Antibiotika frühzeitig zu vermeiden. Auf die wird in der sehr verbreiteten “wissen wir die Ursache nicht eindeutig, hauen wir einfach ein Breitbandantibiotikum drauf”-Alltagsmedizin zu gerne zu zurück gegriffen. Insofern führen homöopathische Mediziner auch dazu, dass evidenzbasierte Medizin, da, wo sie nötig ist, auch greifen kann. Kosten reduziert sie auch. Eltern, die auf homöopathische Arzneimittel zurückgreifen, sind zumeist Eltern, die sich durch mehr Aufmerksamkeit gegenüber dem Gesundheitszustand ihrer Kinder auszeichnen. Das sollte man unterstützen. Ein politischer „Beschluss“ gegen Kostenerstattung homöopathischer Arzneimittel durch die GKV wirkt also polarisierend, führt bei Einigen zu einem weiteren Eindruck der Übergriffigkeit grüner Politik und ist damit kein Beitrag zu einer abwägenden diskursiven politischen Kultur. Deswegen lehne ich sie ab. 

Ich könnte jetzt noch auf den Bundesinnovationsfonds der Bundesregierung verweisen, den ich schon frühzeitig als Bundesillusionsfonds bezeichnet habe. Er wurde 2015 beschlossen, mit einem Gesamtvolumen von mehr als einer halben Milliarde € Volumen. “Diese Innovationen müssen über hinreichendes Potential verfügen, um dauerhaft in die Regelversorgung aufgenommen zu werden.”

Keines der Projekte hat es in die Regelversorgung geschafft. Trotz 600 Mio. € Aufwendungen. Trotzdem wird fleißig weiter gefördert. 

Soweit zur praktischen Relevanz evidenzbasierter Erkenntnisse.

Für weitere Debatten stehe ich gerne zur Verfügung!

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