Krise als Chance. Corona, Markus Lanz und was wir über unser Denken lernen können.

Krise wie das Corona-Virus ist ja, für eine reflektierende Gesellschaft auch eine Chance. Ich komme jetzt nochmal auf die Sendung von Lanz am 5.3.2020 zurück. 

Die Frage ist: Wie reflektiert eine Gesellschaft unter Druck, was gerade vor sich geht. Wo sind die blinden Flecken? Was kann man lernen?

Erstaunlich: Karl Lauterbach, der mit der Schlagzeile durch die Medien geisterte, “jetzt ist das Virus noch harmlos, im Herbst aber wird es richtig zuschlagen”. Entgegen dem ersten Eindruck ging es nicht um den Ruf “Skandal, Skandal”, sondern er hat sich wirklich ein profundes Wissen verschafft. Datennerds haben eben auch Vorteile. 

Interessant: Webasto Chef Holger Engelmann, der, ohne den Begriff in den Mund zu nehmen, verdeutlicht hat, warum das Unternehmen erfolgreich ist: Weil es sich offensichtlich schnell und dann radikal auf neue Situationen einstellen kann. Der DNA eines erfolgreichen deutschen Mittelständlers lässt sich da ganz unaufgeregt studieren. Das Unternehmen hat eine Haltung. Und, so ist zu vermuten, es nimmt seine Mitarbeiter nicht nur mit, sondern es lebt aus und mit seinen Mitarbeitern. Und den richtigen Strukturen.  

An Juli Zeh kann man die Schwächen der Mediengesellschaft studieren. Ohne ihr zu nahe treten zu wollen, ob sich ihre Nachbarn wirklich repräsentiert fühlen, wenn sie sich zur Sprecherin der ländllichen Regionen macht? Kann ich mir nicht vorstellen. 

Die Schwächen des akademischen Weltbildes

Was allerdings auch mit meinem Weltbild zusammenhängt: Das Stadt-Land, Zentren und Peripherie Gefälle hängt stark damit zusammen, dass sich, und da war diese Talkshow dann doch ein getreues Abbild der “Mittedeutschen Selbstinszenierung” ist, in der Akademiker und Akademikerinnen unter sich bleiben. Gutes Gespräch findet der zusehende Akademiker, aber ob es tatsächlich diejenigen erreicht, die auch Teil der Gesellschaft, zudem noch die Mehrheit sind, nämlich die Nichtakademiker, müsste man mal untersuchen. 

Und damit kommen wir zu den Rezepten, mit der die Anwesenden die Welt, die Deutsche Welt kurieren wollten. 

Harald Leschs Buch  “Wie Bildung gelingt. Ein Gespräch” verspricht, den Finger in die richtige Wunde unseres Bildungswesens zu legen. Getreu dem Spruch von Antoine de Saint-Exupéry:

“Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.”

Es geht darum, die Jungs und Mädels zu motivieren, etwas erarbeiten zu wollen. Bei Pestalozzi hieß das “Kopf, Herz und Hand”. 

Von der Bildung wanderte das Diskussion wieder zurück aufs Land und die Erfolge der AfD im Brandenburger Wahlkampf. Frau Zeh führte aus, die AfD wäre deswegen erfolgreich gewesen, weil es statt diesen allgemeinen pro-europäischen Phrasen und Großflächenplakaten von dialogbereiten Politikern die klaren und konkreten Botschaften gab: Diesel retten. Das hätte genau die Emotionen getroffen.

Aber nach dem Einwurf von Webasto Chef Holger Engelmann, das wäre eine gute Beschreibung, aber was wäre die Lösung, gingen die Diskutanten, meine These, ihrem eigenen Weltbild auf den Leim: 

Juli Zeh beschrieb, dass man (als Beispiel Widerstand gegen die Windparks) die Menschen finanziell an den Erfolgen der Windparks beteiligen sollte. Mal abgesehen davon, dass das längst geschehen ist und nicht zu dem gewünschten Effekt, sondern zu der in Unterleuten beschriebenen Spaltung (und der Stagnation des Ausbaus) geführt habt; – so funktioniert das halt nur in einer Debatte von akademischen Großstädtern und in die Provinz geflüchteten Intellektuellen: Dass es nämlich nur eine Lösung gäbe. 

Akademische Diskussionen machen das Problem immer so einfach, dass es dann nur noch eine Lösung gibt. Realität ist anders!

Wie wäre es mal damit, dass wir, und da gäbe es Parallelen zwischen der Bildungsdebattte und der Provinzdebatte, als Politik einfach sagen, es gibt nicht die Lösung, sondern wir können nur den direkt Beteiligten die Kompetenz und die Ressorcen an die Hand geben, das Problem zu lösen: Den Schulen, indem wir auf die zentralisierte Testung verzichten und den Schulen die Kraft, die Spielräume und die Ressorucen geben, ihre eigenen Fähigkeiten und das, was sie konkret erleben besser in Übereinstimmung zu bringen. 

Die Wiederbemächtigung der Gesellschaft wäre das Schlagwort: Eingestehen, dass die Lösungen der Zukunft (Hier könnten wir wieder von der agilen Unternehmersführung von Webasto lernen) nicht pauschal, sondern vor Ort getroffen werden müssen und dass “die da oben” sich (die anderen haben es intuitiv schon verstanden) klar machen müssen, dass sie nicht die Macht haben, Probleme zu lösen, sondern nur einen, ihren (und den kann dann niemand anderes beitragen) Teil zu Lösungen liefern können. 

Gesellschaft muss wieder lösungsfähig werden. Und die ideologischen Fragen, ob jetzt der Neoliberalismus “schuld” ist oder nicht, würden in den Hintergrund treten und die Frage ist, was wo wirken würde. Wer wo im Fahrersitz sitzt. Und wer dann welchen Beitrag leisten kann und muss. 

Politik muss sich dann insbesondere ehrlich machen, eingestehen, dass sie nur selten den Rahmen setzen kann (dazu ist die Welt zu offen) und sich darauf konzentrieren muss, nachhaltig interventionsfähig zu werden. Mit anderen, manchmal Bürgern, manchmal Unternehmen zusammen.

Es gab mal ein Schlagwort im europäischen Norden: Flexicurity. Und dieses Schlagwort liese sich auch auf unsere Wahrnehmung anwenden: Ein flexicures Weltbild. Was bleibt in unserem Weltbild, weil wir Orientierung brauchen, was müssen wir, wenngleich mit Bedauern, entrümpeln, weil wir Handlungsflexibilität benötigen. 

Wenn wir diese Frage ehrlich beantworten, dann können wir, Europa, der derzeitige Hort einer freien und problembewußten Gesellschaft, uns, und zwar jeder an seinem Platz, auf den Weg machen. Und uns Zukünfte erarbeiten.

Nikolaus

Frühaufsteher. Politischer Beobachter aus Leidenschaft. Das Bessere in der Welt entsteht nur, wenn man und frau sich neues zu denken traut.

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.